Nicht jede Luftnot ist Asthma
ein Fallbericht
Christoph Ruwwe-Glösenkamp
20. Februar 2025
Die Geschichte einer jungen Patientin
Stellen Sie sich vor, Sie sind 18 Jahre alt, stehen kurz vor Ihrem Medizinstudium in Berlin und haben große Pläne – doch schwere Atemprobleme machen Ihnen das Leben schwer. Genau das erlebte eine junge Patientin, die ich während meiner Zeit als Oberarzt an der Charité betreut habe. Ihr Fall zeigt, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen, wenn die übliche Behandlung nicht wirkt.
Ein Leben mit schwerem Asthma
Die Patientin kam aus Süddeutschland nach Berlin, um Medizin zu studieren. Doch schon lange bevor sie hier ankam, kämpfte sie mit schwerem Asthma. Dieses hatte sie in ihrer Heimat wiederholt ins Krankenhaus gebracht – manchmal sogar auf die Intensivstation. Trotz maximaler Therapie mit Inhalatoren („Sprays“) besserte sich ihr Zustand nicht ausreichend. Deshalb mussten Ärzte oft auf Kortison zurückgreifen, entweder als Infusion oder Tabletten. Diese häufige Kortisonbehandlung hinterließ Spuren: Ihr Gesicht wirkte etwas geschwollen, sie hatte Hautstreifen am Bauch und eine dünnere Haut – typische Nebenwirkungen, die Mediziner als „Cushing-Syndrom“ bezeichnen.
Heutzutage sind solche Veränderungen bei Asthma-Patienten selten. Moderne Inhalationsmedikamente und neue Therapien wie monoklonale Antikörper helfen, Kortison in Tablettenform oft zu vermeiden. Doch für diese junge Frau war das damals keine Option.
Aufnahme auf die Lungenstation
Die Patientin wurde auf unsere Lungenstation gebracht, nachdem sie einen schweren Asthmaanfall erlitten hatte. Als ich sie das erste Mal sah, war ich überrascht: Sie wirkte fit, hatte keine Atembeschwerden, und selbst beim Abhören der Lunge mit dem Stethoskop hörte ich nichts Auffälliges. Sie war am Vorabend eingeliefert und mit hohen Dosen Kortison sowie Inhalatoren behandelt worden. Dass sie sich so schnell erholte, war ungewöhnlich – normalerweise dauert das einige Tage.
Ein rätselhafter Rückschlag
Doch die Freude war kurzlebig. Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass sie in der Nacht erneut einen schweren Anfall gehabt hatte. Wieder musste hochdosiertes Kortison über die Vene gegeben werden. Das war verwirrend: Es gab keine bekannten Allergien oder Auslöser wie Pollen, die das erklären könnten. Als ich sie morgens untersuchte, ging es ihr schon wieder gut, und ihre Lunge klang einwandfrei. Was steckte hinter diesen plötzlichen, schweren Anfällen?
Der entscheidende Moment
Am Nachmittag wurde ich erneut gerufen: Ein weiterer Anfall. Die Assistenzärzte berichteten von einem lauten Pfeifen beim Abhören der Lunge und wollten Kortison geben. Ich entschied mich, sie selbst zu untersuchen. Tatsächlich hatte sie schwere Luftnot und saß ängstlich im Bett. Das Atemgeräusch war so laut, dass man es ohne Stethoskop hören konnte. Beim Abhören fiel mir auf: Das Pfeifen – ein sogenanntes Giemen – war vor allem beim Ausatmen laut, was typisch für Asthma ist. Doch es war besonders stark über der Luftröhre und im Halsbereich zu hören.Ich bat die anderen Ärzte, den Raum zu verlassen, und setzte mich zu ihr. Ich hatte da nämlich eine Vermutung... Da sie Medizin studieren wollte, begann ich, mit ihr über ihren Traum zu sprechen und erzählte von meinen Erfahrungen im Studium. Anfangs konnte sie vor Luftnot nur kurz antworten, doch innerhalb weniger Minuten besserte sich ihre Atmung. Nach 5 bis 10 Minuten war der „Anfall“ komplett vorbei.
Die wahre Diagnose: Vocal Cord Dysfunction (VCD)
Diese schnelle Besserung zeigte: Das war kein Asthma. Die Patientin litt an einer Vocal Cord Dysfunction (VCD), einer Störung, bei der sich die Stimmlippen unwillkürlich verengen. Das erschwert vor allem das Einatmen, weil die Blockade im Hals sitzt – anders als beim Asthma, wo die Atemwege in der Lunge betroffen sind. Bei Asthma hört man das Pfeifen meist beim Ausatmen, bei VCD oft beim Einatmen. Doch in seltenen Fällen, wie bei dieser Patientin, kann VCD auch beim Ausatmen Geräusche verursachen. Das erklärt, warum sie so lange als Asthmatikerin behandelt wurde.
Warum ist VCD so schwer zu erkennen?
VCD kann Asthma täuschend ähnlich sehen, besonders wenn Atemgeräusche beim Ausatmen auftreten. Viele Patienten mit VCD berichten von schweren Anfällen, die plötzlich kommen und auf Asthma-Medikamente kaum ansprechen. Doch in Lungenfunktionstests zeigen sich oft keine Auffälligkeiten, da sie außerhalb akuter Atemnotanfälle durchgeführt werden. Die Diagnose ist schwierig, da wir Patienten selten während eines Anfalls untersuchen können. Manchmal versuchen HNO-Ärzte, mittels einer Kehlkopfspiegelung (Laryngoskopie) die Stimmlippen zu beobachten, und einen Anfall auszulösen. Oft bleibt uns aber nur die genaue Schilderung der Beschwerden durch den Patienten.
Therapie statt Kortison
Bei VCD helfen keine Inhalatoren oder Kortison. Stattdessen ist Logopädie das Mittel der Wahl: Übungen, die den Kehlkopf entspannen und die Stimmlippen kontrollierbar machen. Ebenso wichtig ist die Aufklärung: Zu wissen, dass VCD nicht lebensbedrohlich ist und die Stimmlippen sich irgendwann wieder öffnen, nimmt vielen Patienten die Angst – die oft die Anfälle verschlimmert.
Ein Plädoyer für die richtige Diagnose
Dieser Fall zeigt, wie wichtig es ist, alternative Ursachen in Betracht zu ziehen, wenn Standardtherapien versagen. Hätte man die VCD früher erkannt, hätte die Patientin viele Krankenhausaufenthalte und unnötige Kortisongaben vermeiden können. Leider sah ich sie nach ihrer Entlassung nicht wieder – sie kam nicht zu ihrem Folgetermin.